Als ich 19 war, stand ich vor der großen Aufgabe, Mutter zu werden. Mein Vorsatz, eine gute Mutter zu sein, war ehrlich gemeint – doch die Umsetzung, war nicht immer so einfach. Der Alltag war geprägt von Stress, Zweifeln, Erwartungen und einem ständigen Vergleich mit anderen Müttern und Kindern. Aus dieser Lebensphase und bei jedem weiteren Kind habe ich gelernt, dass Mama sein nicht Perfektion bedeutet, sondern echte Begegnungen im Alltag: kleine Schritte, ehrliche Gespräche, ein offenes Ohr, gemeinsame Zeit und liebevolle Beständigkeit.
In diesem Beitrag möchte ich teilen, was Kinder wirklich brauchen und sich von uns Erwachsenen wünschen – unabhängig davon, wie belastet der Alltag für uns Erwachsene gerade ist.
Aus der Praxis:
In Einzelsitzungen spreche ich mit vielen Kindern und Jugendlichen darüber, was sie sich von ihren Eltern, Geschwistern oder Lehrkräften wünschen. Die Themen Familie & Schule gehören häufig zu den größten Stressquellen für Kinder und Jugendliche. Immer wieder frage ich nach, ob sie diese Dinge schon offen angesprochen haben? Sehr oft wird das verneint. Manche Kinder haben das Gefühl, ohnehin nicht gehört zu werden, anderen fehlt der Mut. Es ist aber wichtig diese belastenden Dinge an und auszusprechen. Im sicheren Rahmen der Praxis stelle ich gerne folgende Frage:
” Nur einmal angenommen, du könntest jetzt dieser Person alles anvertrauen: Was würdest du gerne sagen? “
Gib mir nicht das Gefühl kleiner zu sein als ich bin.
Wunsch: Würde und Größe anerkennen
Ich sehe dich als wichtig und fähig, diese Aussage stärkt das Kind. Unter Stress neigen wir Erwachsene dazu, schneller zu urteilen oder Entscheidungen zu treffen, ohne das Kind mit einzubeziehen. Empfehlung: Binde dein Kind in kleine Alltagsentscheidungen ein und sage bewusst, was du an ihm schätzt.
Weise mich nicht vor anderen zurecht. Ich werde dir besser zuhören, wenn du mit mir unter vier Augen und auf Augenhöhe sprichst.
Wunsch: Privatsphäre und respektvolle Kommunikation
Stress macht Gespräche oft öffentlich oder konstruiert Spannungen vor anderen. Empfehlung: Vereinbart eine kurze Regel für stressige Momente – „Wir sprechen dieses Thema nach dem Einkaufen an.“ Nutze Ich-Botschaften und bleibe ruhig, damit dein Kind sich sicher fühlt, auch wenn es dir schwer fällt.
Zuhören unter Vier Augen: Ich höre dir zu, wenn wir ungestört sind. Unter Zeitdruck achten wir Erwachsene vielleicht mehr darauf, Lösungen zu liefern, statt wirklich zuzuhören. Empfehlung: Plane feste Vier-Augen-Gespräche ein, auch nur 5–10 Minuten, in denen ihr wirklich ungestört miteinander sprecht. Aktives Zuhören bedeutet, Spiegeln, Fragen stellen und dem Kind Raum geben, Gefühle auszudrücken. So fühlt sich dein Kind gesehen und gehört.
Sag mir nicht, dass meine Ängste dumm oder unnötig sind. Du kannst viel dazu beitragen mich zu beruhigen, wenn du versuchst mich zu verstehen.
Wunsch: Gefühle ernst nehmen, nicht abwerten
Ängste sind wichtig. Angst ist eine primäre emotionale Reaktion, die uns in vielen Situationen schützt. Unter Stress neigen wir Erwachsene dazu, Gefühle zu „maskieren“ :”Wird schon nicht so schlimm sein – beruhige dich!” Empfehlung: Benenne Gefühle sichtbar: „Es klingt, als wärst du gerade unsicher.“ Validierung statt Minimierung hilft dem Kind, Emotionen zu regulieren und bindet es stärker an dich.
Nörgle nicht ständig an mir rum. Wenn du mich ständig kritisierst, brauchst du dich nicht wundern, dass ich mich taub stelle.
Wunsch: Verständnis statt Kritik
Versuche dein Kind zu verstehen, statt zu bewerten. Häufig reagiert man im Stress mit Vorwürfen. Empfehlung: Stelle offene Fragen, versuche einen Perspektivenwechsel zu erwirken: „Wie siehst du die Situation? Was bräuchtest du gerade von mir?“ So fühlt sich dein Kind verstanden, auch wenn es eine schwierige Situation ist.
Gib nicht vor perfekt zu sein und keine Fehler zu machen. Es ist nicht unter deiner Würde, dich bei mir zu entschuldigen, falls es nötig ist.
Wunsch: Fehler sind okay
Perfekt sein ist kein Maßstab. Eltern- oder Schulstress vergrößert den Druck, Fehler zu vermeiden. Empfehlung: Zeige lachend, dass Fehler Teil des Lebens- und Lernens sind: „Lass uns schauen, was wir daraus lernen können.“ Lob für Bemühungen, nicht nur für Ergebnisse.
Wenn du Fehler bei mir entdeckst, sprich nicht mit anderen darüber und verrate niemals ein Geheimnis, dass ich dir anvertraut habe.
Wunsch: Geheimnisse und Privatsphäre wahren
Das stärkt Vertrauen und erleichtert offenes Gesprächsverhalten. Viele Kinder berichten von Lehrern die sie in der Klasse “bloßstellen” oder von Eltern die Geheimnisse preisgeben. Empfehlung: Vereinbart klare Grenzen, was du vor und mit anderen teilst.
Ich wünsche mir mehr Zeit mit dir!
Wunsch: Präsenz statt Ablenkung
Wir Erwachsenen sprechen ständig über Stress und gerade “keine Zeit”. Dabei vergessen wir, dass wir alle viel zu oft kostbare Zeit “Online” verbringen und nicht mit unserem Kind. Empfehlung: gemeinsame „Digital-Free“-Zeiten, Vorbildfunktion. Auch Rituale können helfen: Gemeinsames Essen und Gespräche, Spieleabende bei reduzierter Ablenkung (kein Smartphone, kein Fernsehen) gemeinsam Spaß haben – das wünschen sich sehr viele Kinder. Gemeinsame Zeit, signalisiert dem Kind: “Du bist mir wichtig!”
Wenn wir unseren Kindern Nähe, Respekt und Aufmerksamkeit schenken, legen wir den Grundstein für Selbstvertrauen und Resilienz. Nähe gibt ihnen das sichere Gefühl, gehört, gesehen und geliebt zu werden, was ihnen Mut macht, sich selbst zu vertrauen. Respekt zeigt ihnen, dass ihre Gefühle, Gedanken und Grenzen wichtig sind – und sie lernen, diese selbstbewusst zu vertreten. Aufmerksamkeit bedeutet, aufmerksam zuzuhören, zu beobachten und auf Feinheiten zu achten, wodurch Kinder lernen, ihre Umgebung zu verstehen, Chancen zu erkennen und Risiken abzuwägen. Zusammengenommen stärkt dieses Dreierpaket die innere Widerstandskraft: Kinder wachsen mit der Zuversicht auf, auch in schwierigen Situationen klare Schritte zu gehen, Hilfe anzunehmen und aus Rückschlägen zu lernen. Die Zukunft unserer Kinder beginnt heute in unserem Umgang mit ihnen. Indem wir Nähe, Respekt und Aufmerksamkeit kultivieren, investieren wir in eine Generation, die empathisch ist, Verantwortung übernimmt und kreative Lösungen für die Herausforderungen von morgen findet.
„Unsere Aufgabe ist nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren.“ -Maria Montessori
Wenn du Unterstützung in Form von Begleitung oder Beratung suchst, bin ich für dich da.
Herzlichst
Marion